Monarchie — cui bono?

Über Sinn und Zweck einer Monarchie

Wien, im Feber 1997


Es ist schon eine ge­rau­me Wei­le her, da wur­de ich auf einer mir mitt­ler­wei­le gut be­kann­ten Bu­de einer CV–Ver­bin­dung vom seiner­zei­ti­gen ho­hen Fuchs­ma­jor als „ka­tho­lisch–schla­gen­der KÖLler” vor­ge­stellt. Eif­rig er­klär­te er sei­nen Fuch­sen, daß ich den Kai­ser wie­der woll­te, folg­lich Mo­nar­chist und vor al­lem des­we­gen kein Na­zi wä­re, weil ich ja ka­tho­lisch bin.

Der ho­he Fuchs­ma­jor war eini­ger­ma­ßen ent­täuscht, daß sich mei­ne Be­gei­ste­rung ob die­ser Er­güs­se ziem­lich in Gren­zen hielt. Da ich aber schon da­mals an der­lei Miß­ver­ständ­nis­se ge­wohnt war, ge­riet ich nicht et­wa, wie dies viel­leicht bei einem schla­gend–nicht-ka­tho­li­schen Lands­mann­schaf­ter der Fall ge­we­sen wä­re, in duell­wü­ti­ge Ra­ge, son­dern ließ ihm und sei­nen Fuch­sen — in al­ler Kar­tell­brü­der­lich­keit — ein klei­nes Pri­va­tis­si­mum in Sa­chen „Ka­tho­lisch–öster­rei­chi­sche Lands­mann­schaf­ter und ih­re Ge­schich­te mit einem klei­nen Ex­kurs zur christ­li­chen Be­trach­tung des Duells, ins­be­son­de­re seit dem Er­sten Va­ti­ca­num” an­ge­dei­hen.

Nun ist es ja ein Leich­tes, die Ge­schich­te un­se­res Bun­des, mit der man sich als bra­ver Ca­ro­li­nen–Fuchs selbst­ver­ständ­lich einst in­ter­es­siert aus­ein­an­der­ge­setzt hat, zu re­pli­zie­ren, sie zur Kennt­nis zu neh­men und sei­ne Schluß­fol­ge­run­gen da­raus zu zie­hen. Viel schwie­ri­ger da­ge­gen scheint es über un­se­re Zu­kunft, das heißt über un­se­re Zie­le, Mo­ti­ve und Wert­vor­stel­lun­gen eine gül­ti­ge Aus­sa­ge zu tref­fen. Nimmt man näm­lich die jüng­sten Aus­sa­gen zu die­sem The­ma ge­nau­er un­ter die Lu­pe, so kommt man zu dem trau­ri­gen Er­geb­nis, daß die­se all­zu oft und all­zu viel pro­pa­gan­di­sti­sche Schlag­wör­ter und Un­re­flek­tiert­hei­ten ent­hal­ten.

Kei­nes­falls möch­te ich hier ge­gen die Mei­nungs­viel­falt in un­se­rem Bund und sei­nen Ver­bin­dun­gen auf­tre­ten; im Ge­gen­teil: Das in un­se­rem La­ger breit­ge­fä­cher­te An­ge­bot an dies­be­züg­li­chen An­sich­ten — vom „stren­gen Le­gi­ti­mi­sten” bis zum „ge­schichts- und tra­di­tions­be­wuß­ten Re­pu­bli­ka­ner” — se­he ich durch­aus po­si­tiv. Die „Ein­heit in Viel­falt” ist nicht nur ein Ide­al, das auf die Ge­schich­te der öster­rei­chi­schen Mo­nar­chie pro­ji­ziert wird, son­dern auch ein Grund­ge­dan­ke kon­ser­va­ti­ver Welt­an­schau­ung als Ge­gen­ge­wicht zur so­zia­li­sti­schen Ideo­lo­gie der Gleich­ma­che­rei.

An­statt aber über den je­weils An­ders­den­ken­den die Na­se zu rümp­fen und ihn mit dem einen oder an­de­ren gering­schät­zi­gen Wort zu be­den­ken, soll­ten wir uns lie­ber in bun­des­brü­der­li­cher To­le­ranz und aka­de­mi­scher Of­fen­heit die­se Viel­falt als Im­puls zum Nach­den­ken und Ler­nen zu­nut­ze ma­chen.

An sich ist es wohl Ge­schmacks­sa­che, ob je­mand an der Spit­ze eines Staa­tes lie­ber einen ge­wähl­ten Prä­si­den­ten oder einen durch Erb­fol­ge ge­kür­ten Mo­nar­chen sieht (da­bei soll­te man nicht ver­ges­sen, daß es in un­se­rer Ge­schich­te auch ge­wähl­te Mo­nar­chen ge­ge­ben hat ...); da wie dort hat es gu­te und schlech­te, er­folg­rei­che wie glück­lo­se Re­prä­sen­tan­ten ge­ge­ben. Daß sich über Ge­schmack be­kannt­lich nicht strei­ten läßt, soll­te uns je­doch nicht da­zu ver­lei­ten, das eine oder an­de­re zum Cre­do zu ma­chen: Er­stens ha­ben wir Ka­tho­li­ken nur ein Glau­bens­be­kennt­nis, zwei­tens wür­den wir uns da­mit selbst zu dümm­li­chen Fähn­chen­schwin­gern de­gra­die­ren, die sich zu „Heil dem Kai­ser” schrei­en­den Mas­sen zu­sam­men­rot­ten (der ge­neig­te Le­ser mö­ge „Mas­se und Macht” von Elias Ca­net­ti auf­merk­sam le­sen, dann wird er fest­stel­len, daß sich die­se Fähn­chen­schwin­ger be­lie­big ma­ni­pu­lie­ren und so die Fähn­chen be­lie­big aus­tau­schen las­sen — vom Kai­ser über Le­nin und Sta­lin bis zu Hit­ler und Mus­so­li­ni und wie­der zu­rück ist es da je­weils nur ein klei­ner Schritt!).

Auch die Art der Herr­schafts­aus­übung läßt we­der für die Re­pu­blik noch für die Mo­nar­chie ir­gend­wel­che Vor­tei­le er­ken­nen: Bei­de Staats­for­men sind mit je­der Re­gie­rungs­form — von der De­mo­kra­tie bis zur Dik­ta­tur — be­lie­big kom­bi­nier­bar.

Mag ein Re­pu­bli­ka­ner die An­sicht ver­tre­ten, daß die Pri­vi­le­gien, die ein­zel­ne (klei­ne­re) Be­völ­ke­rungs­schich­ten zwei­fel­los ge­nos­sen, zu La­sten des Vol­kes ge­gan­gen wä­ren, statt daß ihm durch sie bes­ser ge­dient wor­den wä­re; daß das ge­sam­te Äuße­re, der Prunk und Hof­staat, heut­zu­ta­ge über­flüs­sig und da­her nicht mehr zeit­ge­mäß wä­re, könn­te un­ser­eins doch im­mer­hin ein­wen­den, daß die Kor­rup­tion und Freun­derl­wirt­schaft, die heu­te in Ge­sell­schaft und Po­li­tik (was man halt hier­zu­lan­de „Po­li­tik” nennt) vor­zu­fin­den sind, zu­min­dest eben­so über­flüs­sig und über­kom­men sind.

Und nicht ein­mal der ein­ge­fleisch­te­ste Eman­zi­pa­tions- und Gleich­be­hand­lungs­pre­di­ger (wie ich sie doch has­se!) könn­te sich — von sei­nem ein­di­men­sio­na­len Stand­punkt aus ge­se­hen — ehr­lich und vor­be­halts­frei zu­gun­sten der einen oder der an­de­ren Staats­form ent­schei­den; wäh­rend die Mo­nar­chie im­mer­hin einen re­gie­ren­den weib­li­chen Mo­nar­chen her­vor­ge­bracht hat, ob­wohl die Chan­cen da­für auf­grund der tra­di­tio­nel­len Erb­fol­ge durch­aus ge­ring wa­ren, hat die Re­pu­blik bis­her noch kei­nen weib­li­chen Prä­si­den­ten ge­se­hen, ob­wohl dies heu­te zu­min­dest theo­re­tisch viel leich­ter mög­lich wä­re. Und wie auch im­mer man zur Ein­füh­rung des Frau­en-Wahl­rech­tes ste­hen mag — sie war eine Fra­ge der Zeit, sie hat­te mit der Re­gie­rung und nicht mit der Staats­form zu tun!

So vie­le Ar­gu­men­te man für die Mo­nar­chie oder die Re­pu­blik auch fin­den mag: Letzt­end­lich er­gibt sich für einen neu­tra­len Be­ob­ach­ter, daß es eigentlich völlig egal ist, in welcher Staatsform wir leben, solange wir die richtige Re­gie­rungs­form ha­ben. Wa­rum al­so soll­ten wir Lands­mann­schaf­ter heu­te noch, nach bei­na­he acht­zig Jah­ren Ab­sti­nenz von der Mo­nar­chie und den zahl­rei­chen Ver­zichts­er­klä­run­gen aus dem Hau­se Habs­burg, für die Mo­nar­chie ein­tre­ten?

Viel­leicht des­we­gen, weil wir die­ses eine — und nur die­ses eine! — Glau­bens­be­kenn­tnis ha­ben. Weil mit ihm Wer­te ver­bun­den sind, die un­se­rer Re­pu­blik aus ih­rer ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Na­tur her­aus fremd, der öster­rei­chi­schen Mo­nar­chie je­doch seit ih­rem Be­ginn Ver­pflich­tung sind.

Viel­leicht des­we­gen, weil sich heut­zu­ta­ge kaum ein Tou­rist für das kreis­ky'sche Kon­fe­renz­zen­trum in­ter­es­siert, sehr wohl aber Hof­burg und Schatz­kam­mer die­ser Re­pu­blik zu be­trächt­li­chen Ein­nah­men ver­hel­fen.

Viel­leicht des­we­gen, weil wir mitt­ler­wei­le seit Ge­ne­ra­tio­nen in einem wert-neu­tra­len Staat mit einer wert-frem­den, rein po­si­ti­vi­sti­schen Ver­fas­sung le­ben und uns wie­der nach einer wert-orien­tier­ten Re­gie­rung als ef­fi­zen­te, po­si­ti­ve Al­ter­na­ti­ve zum im­mer hef­ti­ger wer­den­den Ruf nach der star­ken Hand eines neuen Füh­rers seh­nen; des­we­gen, weil wir er­ken­nen muß­ten, daß ein fun­da­men­ta­ler Satz aus Kel­sens um­ju­bel­ter Zweit­auf­la­ge sei­ner „Rei­nen Rechts­leh­re” — „Ein po­si­ti­ves Recht gilt nicht da­rum, weil es ge­recht ist, das heißt: weil sei­ne Set­zung einer Ge­rech­tig­keits­norm ent­spricht, und gilt auch, wenn es un­ge­recht ist” (vgl. Hans Kel­sen, Rei­ne Rechts­leh­re, Wien 19622, S. 402) — dem Miß­brauch je­ner Re­gie­rungs­form, die das ge­ring­ste Übel dar­stellt, weil sie im­mer noch die re­la­tiv be­sten Rah­men­be­din­gun­gen für ver­ant­wort­li­che Frei­heit und Mensch­lich­keit schafft, für und durch den So­zia­lis­mus und an­de­re men­schen­feind­li­che Ideo­log­ien Tür und Tor öff­net.

„An ih­ren Ta­ten, nicht an ih­ren Wor­ten wer­det ihr sie er­ken­nen”, sagt eine al­te Weis­heit, und in der Bi­bel steht auch da­rü­ber ge­schrie­ben (Matt. 7,20; 7,21–29; Lk. 6,46–49; Jak. 2,20; Spr. 20,11; ...). Wäh­rend in vie­len an­de­ren Tei­len Eu­ro­pas Herr­scher ih­re Un­ter­ta­nen noch nach Gut­dün­ken und Mög­lich­keit aus­preß­ten, ver­such­ten Habs­bur­ger wie et­wa Fer­di­nand III. oder Ma­ria The­re­sia, krie­ge­ri­sche oder an­de­re Be­la­stun­gen zu ver­mei­den be­zie­hungs­wei­se zu be­en­den und so des Vol­kes Wohl (und da­mit ihr eige­nes — welch fort­schritt­li­che Ein­sicht zur da­ma­li­gen Zeit!) zu fe­sti­gen und zu meh­ren.

Wäh­rend in wei­ten Tei­len Eu­ro­pas noch acht­jäh­ri­ge Kin­der in Berg­wer­ken un­ter Ta­ge ar­bei­ten muß­ten, ver­such­te sich hier­zu­lan­de ein Kai­ser Franz Jo­sef I. an christ­lich ge­präg­ter So­zial­ge­setz­ge­bung, die von sei­nem Nach­fol­ger ve­he­ment wei­ter­ent­wickelt wur­de und heu­te rück­blickend als ein­zig­ar­tig und zu­kunfts­wei­send an­ge­se­hen wer­den muß.

Mag schon sein, daß da­bei auch Feh­ler pas­siert sind. Da wir je­doch al­le nur Men­schen sind und da­her al­le Feh­ler ma­chen, mö­gen wir doch in sol­chen Fäl­len nicht klein­lich ur­tei­len, son­dern mil­de den Wil­len für das Werk gelten lassen. Überhaupt sollten wir uns davor hüten, historische Er­eig­nis­se al­ler Art aus heu­ti­ger Sicht zu be­wer­ten; denn dann könn­ten wir nie­mals — und seien wir noch so gu­ten Wil­lens — vor zu­künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen be­ste­hen!

Oft und oft ha­be ich be­grün­det, daß De­mo­kra­tie Men­schen braucht, die ihr nicht nur all­ge­mein po­si­tiv ge­gen­über­ste­hen, son­dern sich mit ihr und ih­ren Fein­den ak­tiv aus­ein­an­der­set­zen und für sie ein­tre­ten, will man nicht ris­kie­ren, daß sich „‚De­mo­kra­tie’ ohnmächtig vor die ak­tu­el­len Be­dro­hun­gen und Her­aus­for­de­run­gen (z.B. öko­lo­gi­sches Des­aster, Wert­ni­hi­lis­mus, Atom­ge­fahr, Ar­mut, um nur eini­ge zu nen­nen) ge­stellt” sieht (vgl. Já­nos Pe­ré­nyi in: Schusch­nigg u.a., 70 Jah­re Ma­xi­mi­lia­na, Wien 1987, Sei­te 24). Wie aber soll man die­sen Übeln wirk­sam ent­ge­gen­tre­ten, wenn nicht durch die breit ge­fä­cher­te Um­set­zung naturrechtlich-christlicher Wertvorstellungen, wie sie unter anderem Grundlage der Er­zie­hung po­ten­tiel­ler Mo­nar­chen aus dem Hau­se Habs­burg–Lothrin­gen ge­we­sen ist?

Wer Miß­brauch, Aus­höh­lung und die an­schlie­ßen­de Ver­nich­tung der De­mo­kra­tie ver­hin­dern will, muß der Re­duk­tion die­ser Re­gie­rungs­form auf die Her­bei­füh­rung mehr oder min­der „zu­fäl­li­ger” Mehr­heits­ver­hält­nis­se durch von dem Po­si­ti­vis­mus und He­do­nis­mus frö­nen­den Cli­quen ma­ni­pu­lier­te, meist nicht mehr gesell­schafts­wil­li­ge Staats­an­ge­hö­ri­ge ent­we­der (kurz­fri­stig und dik­ta­to­risch) durch ro­he Ge­walt oder (lang­fri­stig fun­diert) durch kon­se­quen­tes Zeug­nis und bei­spiel­haf­tes De­mon­strie­ren des Wer­tes der Wer­te ent­ge­gen­wir­ken. „De­mo­kra­tie ist in ge­wis­ser Wei­se schwe­rer als Mo­nar­chie,” schreibt Josef Sei­fert (vgl. Schusch­nigg u.a., 70 Jah­re Ma­xi­mi­lia­na, Seite 47), „da eine Mehr­heit der Wahr­heit ge­gen­über of­fen sein muß, be­vor eine Mög­lich­keit ge­rech­ter Ge­set­ze und Be­schlüs­se be­ste­hen kann. Und es ist sehr die Fra­ge, ob im­mer Mehr­heits­be­schlüs­se wei­ser sind als die Mei­nung des ein­zel­nen.

De­mo­kra­tie darf aber nie­mals den Kon­sens mit der Wahr­heit ver­wech­seln. In ihr muß es im­mer Ziel blei­ben, die Mehr­heit von der Wahr­heit zu über­zeu­gen. Da­her kann die De­mo­kra­tie nur als ge­rech­ter Staat über­le­ben, wenn wirk­lich die brei­te Be­völ­ke­rung an­ge­spro­chen und in al­len For­men, durch Dis­zi­plin, Bil­dung, Er­zie­hung, Vor­bil­der, Leh­ren, Pre­digt, da­zu er­mun­tert und das Ziel er­reicht wird, daß die Bür­ger ih­re Frei­heit de­ren Be­stim­mung zu­füh­ren: näm­lich die Wahr­heit zu be­ja­hen und in ihr zu le­ben.”

Be­vor wir al­so in ver­schie­de­nen Pub­li­ka­tio­nen, In­ter­views und Fest­re­den mit gro­ßen Wor­ten für „den Kai­ser” ein­tre­ten, soll­ten wir uns da­rüber klar wer­den, daß es zur Zeit so­wohl fak­tisch als auch in Hin­sicht auf Emo­tion, Leh­re, Pre­digt, Bil­dung und Dis­zi­plin in der Be­völ­ke­rung kei­nen Kai­ser gibt.

Be­vor wir uns selbst als Mo­nar­chi­sten be­zeich­nen und di­rekt oder in­di­rekt da­durch einen ge­wis­sen eli­tä­ren An­spruch er­he­ben, soll­ten wir uns fra­gen, ob wir uns der gro­ßen Ver­ant­wor­tung be­wußt und ihr ge­wach­sen sind, ob wir in der La­ge sind, Wer­ten zu die­nen, die der staat­lich-gesell­schaft­li­chen Strö­mung, wie sie mitt­ler­wei­le jahr­zehn­te­lang in Öster­reich be­steht, dia­me­tral ent­ge­gen­ste­hen.

Ge­schieht die­ser Dienst näm­lich nicht be­wußt und ver­ant­wor­tungs­voll, wird man an­greif­bar und ver­letz­lich, läuft Ge­fahr, das, wo­für man eigent­lich ein­tre­ten möch­te, der Lä­cher­lich­keit preis­zu­ge­ben.

Wer sei­ne Frei­heit nicht selbst be­schrän­ken und so sei­ner Über­zeu­gung Aus­druck ver­lei­hen mag, wer nicht Dis­zi­plin an den Tag legt und nicht wil­lens ist nach­zu­den­ken, be­vor er sei­nen Mund auf­macht, scha­det ak­tiv je­ner Sa­che, für die er ein­zu­tre­ten vor­gibt.

Wer sich an der Kneip­ta­fel nicht ak­tiv um den Com­ment be­müht, soll sich nicht wun­dern, wenn er als Cou­leur­stu­dent nicht ernst ge­nom­men wird; wer in Klei­nig­kei­ten nicht Dis­zi­plin zei­gen kann, dem traut man spä­ter zu Recht auch in grö­ße­ren Din­gen kein Ver­ant­wor­tungs­be­wußt­sein zu (und mag die Ver­mark­tung der eige­nen „Fä­hig­kei­ten” noch so markt­schreie­risch laut und „ell­bo­gen­tech­ni­sch per­fekt” sein: lang­fri­stig hat sich im­mer noch die Qua­li­tät durch­ge­setzt!); wer in sei­ner Fa­mi­lie nicht lie­be­voll zur har­mo­ni­schen Ge­mein­sam­keit und Stär­ke strebt, wird sich für eine wert-orien­tiert Ge­sell­schaft — un­ab­hän­gig von ih­rer Grö­ße — nicht nur als nutz­los, son­dern als kon­tra­pro­duk­tiv er­wei­sen; wer nicht ge­willt ist, die Bür­de der De­mo­kra­tie freu­dig, weil aus eige­ner Über­zeu­gung auf sich zu neh­men, hat den Se­gen der Wer­te einer Mo­nar­chie — so über­zeugt er von die­sen auch zu sein glaubt — nicht ver­dient; wer vor einer Schlacht be­reits stolz auf seinen Sieg ist, geht dem si­che­ren Un­ter­gang ent­ge­gen, so hoch und hehr sei­ne Mo­ti­ve auch sein mö­gen.

Adel ver­pflich­tet, sagt ein wah­res Wort. Heu­te in Öster­reich Mo­nar­chist zu sein ver­pflich­tet noch viel mehr. Da dem Adel 1918/19 in Öster­reich durch re­vo­lu­tio­nä­re Ak­te die Grund­la­ge ent­ris­sen wur­de, die ihm die Pflicht­er­fül­lung, die Auf­recht­er­hal­tung christ­lich ge­präg­ter Wer­te und die Pfle­ge ih­rer Tra­di­tio­nen er­mög­lich­te, muß der Mo­nar­chist nicht nur in die­ser Be­zie­hung den Adel er­set­zen, son­dern auch dem all­ge­mei­nen Zeit­geist ent­ge­gen­wir­ken, die Er­in­ne­rung an die Ver­ant­wor­tung des miß­han­del­ten, in wei­ten Tei­len bour­ge­ois und ober­fläch­lich ge­wor­de­nen Adels wach­zu­ru­fen und da­bei un­er­müd­lich Zeug­nis ab­zu­le­gen und die Be­rech­ti­gung und Rich­tig­keit der Über­zeu­gung, daß Frei­heit und Men­schen­wür­de nur in einer von na­tur­recht­li­chen, tun­lichst christ­li­chen Wer­ten ge­präg­ten Re­gie­rung und Ge­sell­schafts­ord­nung ge­dei­hen kön­nen und daß die­se sehr gut — wenn nicht so­gar am be­sten in einer mo­nar­chi­schen Staats­form ver­wirk­licht wer­den kön­nen.

Wo­zu ist al­so eine Mo­nar­chie gut?

Zu über­haupt nichts, wenn man für sie nur fähn­chen­schwin­gend und laut­hals brüllt. Nur äußerst sel­ten hat sich Lau­tes, Mas­sen­haf­tes und Un­re­flek­tiert-In­stink­ti­ves län­ger­fri­stig ge­se­hen als gut und nütz­lich für eine Ge­sell­schaft er­wie­sen.

Zu rein gar nichts, wenn ih­re Be­für­wor­ter schö­ne Wor­te für sie üb­rig ha­ben. Schö­ne Wor­te kann ich mir täg­lich vom ro­ten Vranz an­hö­ren, und ich emp­fin­de die­ses Ge­schwa­fel nicht nur als un­be­frie­di­gend, son­dern auch als ver­ant­wor­tungs­los ge­gen­über der Re­pu­blik und ih­ren Bür­gern.

Zu über­haupt nichts, wenn die so­ge­nann­ten Mo­nar­chi­sten wie trot­zi­ge Kin­der An­re­den wie „Durch­laucht”, „Ho­heit” oder „kai­ser­li­che Ho­heit” ge­brau­chen. Wenn schon in einer Mo­nar­chie nicht die An­re­de den Ade­li­gen aus­macht, son­dern sein Han­deln, gilt dies um­so mehr in einer Re­pu­blik, die den Adel per De­kret ab­schaf­fen woll­te. Aber so, wie die Mo­nar­chie ihren Wert nicht durch einen Fe­der­strich ver­liert, kann der Adel seine No­bles­se nicht durch das Ver­bot der ent­spre­chen­den Ti­tel und An­re­den ver­lie­ren. Le­gen wir ihm al­so nicht durch die selbst­ge­rech­te, hoh­le, eit­le Ver­wen­dung heu­te über­kom­me­ner (viel­leicht in eini­ger Zu­kunft wie­der gül­ti­ger) An­re­den unnö­tig Hin­der­nis­se in den Weg, den ihm sein na­tur­ge­mäß stil­les Wir­ken vor­gibt.

Nein, nein. Wer heu­te in die­sem un­se­rem Lan­de wie­der einen Kai­ser ha­ben will, muß zu­erst viel nach­den­ken und das Po­si­ti­ve, das er durch das Nach­den­ken mög­li­cher­wei­se an der Mo­nar­chie ent­deckt hat, sei­nen Mit­men­schen vor­le­ben. Erst dann kann ein „Mo­nar­chist” da­ran­ge­hen, mit gro­ßer Be­hut­sam­keit dem Volk Idee und Wert einer Mo­nar­chie im grö­ße­ren Sti­le nä­her­zu­brin­gen. Und erst ganz zum Schluß — nach sehr, sehr viel Ar­beit! —, wenn all dies er­folg­reich ver­lau­fen ist, erst dann darf sich der Mo­nar­chist er­lau­ben, mit dem er­for­der­li­chen Nach­druck über eine Mo­nar­chie in Öster­reich zu re­den.

In die­sem Zu­sam­men­hang ist auch zu erwäh­nen, daß die mo­nar­chi­sche Idee eine Ge­sin­nung ist, die einer ty­pisch ver­ant­wor­tungs­be­wußt-kon­ser­va­ti­ven Welt­an­schau­ung ent­springt und ent­spricht; der Mensch steht da­bei im Mit­tel­punkt al­ler dies­be­züg­li­cher Be­trach­tung, nicht aber ir­gend­eine Or­ga­ni­sa­tion, die höch­stens Trä­ger einer men­schen­feind­li­chen Ideo­lo­gie, nie­mals aber einer kon­ser­va­ti­ven Ge­sin­nung sein kann. Es ist da­her ober­fläch­lich, un­über­legt, ja schlicht­weg falsch, einen Ver­ein, eine Ver­bin­dung oder einen Verband als „mo­nar­chi­stisch” oder „le­gi­ti­mi­stisch” zu be­zeich­nen.

Wo­zu al­so ist eine Mo­nar­chie heu­te noch gut?

„Eines der wei­se­sten Wor­te in der Po­li­tik, von Kai­ser Franz Jo­sef aus­ge­spro­chen, fiel in sei­ner Kon­ver­sa­tion mit dem ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Theo­do­re Roo­se­velt, als die­ser ihn frag­te: ‚Was ist die Funktion des Monarchen im 20. Jahrhundert?‘ Antwortete der Kaiser: ‚Mein Volk vor seiner Regierung zu schützen!‘” (Vgl. Ot­to von Habs­burg in: Schusch­nigg u.a., 70 Jah­re Ma­xi­mi­lia­na, Sei­te 120)

Was für eine gi­gan­ti­sche Auf­ga­be, das öster­rei­chi­sche Volk vor sei­ner Re­gie­rung zu schüt­zen, sie im Na­men des Vol­kes (mit Got­tes Hil­fe, un­be­dingt!) zu kon­trol­lie­ren. Wahr­lich, es be­darf des Cha­ris­ma, des Got­tes­gna­den­tums, der Dis­zi­plin und der Er­zie­hung eines Mo­nar­chen, um — fern­ab von klein­ka­rier­ten all­täg­li­chen Polit–Hick-Hack — fä­hig zu sein, das öster­rei­chi­sche Volk aus sei­ner Un­mün­dig­keit und Le­thar­gie zu rei­ßen und zu sei­nem eige­nen Wohl je­ne zu kon­trol­lie­ren, die der Po­si­ti­vis­mus in die La­ge ver­setzt hat, dem Volk zu be­feh­len, es zu be­trü­gen, an­statt ihm zu die­nen! Nur für einen wür­di­gen Mo­nar­chen kann eine der­ar­ti­ge Si­sy­phus­ar­beit loh­nend sein ...

Ich bin da­von über­zeugt, daß wir Lands­mann­schaf­ter die Mo­nar­chie de fac­to nicht wirk­lich brau­chen, weil wir doch eines Ta­ges ih­re Wer­te er­ken­nen wer­den.

Und soll­te ein­mal ein Bun­des­bru­der Prä­si­dent die­ser Re­pu­blik wer­den (ja, lie­be Leut', ich bin durch­aus da­für, daß das ein­mal pas­siert!), so wird er si­cher ein gu­ter Prä­si­dent sein, weil er über Din­ge nach­ge­dacht hat, die an­de­re nicht ein­mal vom Hö­ren­sa­gen her ken­nen — hof­fent­lich!

Der österreichische Doppeladler


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