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Digitalisierung

Der Be­griff D­igi­ta­li­sie­rung be­zeich­net die Über­füh­rung ana­lo­ger Grö­ßen in dis­kre­te ab­ge­stuf­te Wer­te zu dem Zweck, sie elek­tro­nisch zu spei­chern und zu ver­ar­bei­ten (De­fi­ni­tion nach Prof. Wil­fried Ju­ling / Uni­ver­si­tät Karlsru­he.) Di­gi­ta­li­sie­rung be­deu­tet Ef­fi­zienz­stei­ge­rung durch Stan­dar­di­sie­rung. Schluß­end­lich be­deu­tet das aber, daß nur die­je­ni­gen Rie­sen-Or­ga­ni­sa­tio­nen (Be­hör­den, Ideo­lo­gie-Ver­bän­de, Kon­zer­ne, oft auch in üb­lem Zu­sam­men­spiel), die aus Men­schen Num­mern ma­chen, mit­tel- bis lang­fri­stig eine Chan­ce auf dem je­wei­li­gen po­li­ti­schen, ge­sell­schaft­li­chen, ideo­lo­gi­schen, kom­mer­ziel­len … Markt ha­ben, weil nur sie über die für die Di­gi­ta­li­sie­rungs-Ef­fi­zienz nö­ti­gen Macht-, Tech­nik- und Fi­nanz­mit­tel zur Schaf­fung, Auf­recht­er­hal­tung und men­schen­rechts­be­frei­ten Durch­set­zung ih­res Sy­stems ge­gen­über dem Bür­ger ver­fü­gen. Schö­ne neue Welt!


Darf ich dem ge­neig­ten Le­ser Herrn A. vor­stel­len? Herr A. ist al­lein­ste­hend, mitt­le­ren Al­ters, freund­lich, an­ge­se­hen, bei vie­len so­gar ge­ach­tet, und eine sei­ner her­aus­ra­gen­den Eigen­schaf­ten ist sei­ne Auf­ge­schlos­sen­heit Neuem ge­gen­über. Er genießt die An­nehm­lich­kei­ten der Auf­füll­auto­ma­tik sei­nes mit dem „In­ter­net der Din­ge” ver­bun­de­nen Kühl­schranks, der app­li­ka­tions­ge­steu­er­ten Hei­zung und Be­leuch­tung, des elek­tro­ni­schen Strom­ver­brauchs­op­ti­mie­rungs­meß­ge­rä­tes, sei­ner mit al­len Mög­lich­kei­ten au­sge­stat­te­ten Kom­mu­ni­ka­tions­werk­zeu­ge, des Rund­um-Sorg­los-Auto­ma­tik-Bank­pa­ke­tes, sei­ner auch sonst mit den mo­dern­sten auto­ma­ti­sier­ten und Ge­rä­ten aus­ge­stat­te­ten Woh­nung, des selbst­fah­ren­den Elek­tro-Ve­hi­kels in der rech­ner­ge­steu­er­ten Ga­ra­ge und all der an­de­ren wohl­er­wor­be­nen „web based good­ies”. Kurz­um: Er ist ein mo­der­ner, be­wußt le­ben­der Mensch, der in das di­gi­ta­li­siert-ver­netz­te Le­ben 4.0 mehr als ein­ge­bet­tet ist.

Ein durch de­mo­kra­ti­sche Wahl her­vor­ge­ru­fe­ner Re­gie­rungs­wech­sel (wir wol­len uns an die­ser Stel­le da­ran er­in­nern, daß auch die Na­tio­na­len So­zia­li­sten in der de­mok­ra­ti­schen Wei­ma­rer Re­pub­lik durch einen sol­chen Volks­ent­scheid 1933 an die Macht ge­kom­men sind) hat al­ler­dings be­wirkt, daß Herr A. mit einem Schlag eine sehr dr­asti­sche Ver­än­de­rung er­lebt, näm­lich den Wech­sel von der Ach­tung sei­ner Bür­ger­rech­te zur Äch­tung sei­ner Bür­ger­rech­te durch die neue Re­gie­rung. Die ist näm­lich der An­sicht — und des­we­gen ist sie ja auch vor­wie­gend ge­wählt wor­den —, daß die mei­sten Pro­ble­me des Lan­des da­durch leicht ge­löst wer­den kön­nen, daß ge­wis­se Per­so­nen und Grup­pen aus dem ge­sell­schaft­li­chen Le­ben ein­fach aus­ge­blen­det wer­den.

Durch ein ver­fas­sungs­recht­lich selbst­ver­ständ­lich ein­wand­frei le­gi­ti­mier­tes Ge­setz (ein Öster­rei­cher na­mens Hans Kel­sen hät­te tat­säch­lich sei­ne hel­le Freu­de an so viel Rechts­staat­lich­keit, so wie auch da­mals bei den Nürn­ber­ger Ras­senge­set­zen) wer­den so­wohl die vor­han­de­nen über­aus er­gie­bi­gen Da­ten­be­stän­de für die Zwecke der Par­tei frei­ge­ge­ben als auch An­ders­seien­de und An­ders­den­ken­de künf­tig de­fi­ni­tions­fle­xi­bel auf das Le­ben „4.0 ex­tra” mit weit­rei­chen­den Son­der­be­hand­lungs­rech­ten sei­tens der neuen Re­gie­rung ver­wie­sen. Und zu sei­ner gro­ßen Über­ra­schung ge­hört auch Herr A. zum Kreis der Be­trof­fe­nen …

Das Ge­setz, des­sen In­kraft­tre­ten mit 12 Uhr mit­tags des dem Be­schluß fol­gen­den Mitt­wochs fest­ge­legt ist, ent­fal­tet dann auch un­mit­tel­bar seine Wir­kung. So­fort ste­hen Herrn A. das „In­ter­net 4.0” und auch al­le son­sti­gen Kom­mu­ni­ka­tions­mit­tel nicht mehr zur Ver­fü­gung. Das Elek­tro­mo­bil ver­wei­gert den Zu­tritt und jeg­li­che Be­we­gung, die Bank­dien­ste sind nicht mehr ver­füg­bar, sei­ne DIC (Di­gital Iden­ti­ty Card) zeigt den Sta­tus „ent­wer­tet” an. Eine Stun­de spä­ter be­reits gibt es kein Fließ­was­ser mehr, der Eis­ka­sten kann nichts mehr zu sei­ner Wie­der­be­fül­lung im In­ter­net be­stel­len, und das elek­tro­ni­sche Schloß zur Woh­nung läßt sich — wie auch die Fen­ster — nicht mehr öff­nen.

Herr A. ver­sucht nach eini­ger Zeit, mit einer alt­mo­di­schen Ta­schen­lam­pe un­ter Zu­hil­fe­nah­me von Mor­se­zei­chen (er hat­te sich tat­säch­lich bi­sher nicht auf­raf­fen kön­nen, das al­te Buch mit dem Ti­tel „Über­le­bens­tech­ni­ken” zu ent­sor­gen) mit Pas­san­ten Kon­takt auf­zu­neh­men. Be­dau­erl­i­cher­wei­se blei­ben die­se Be­mü­hun­gen er­folg­los: Die zur Miet­ko­sten­op­ti­mie­rung mit sei­ner aus­drück­li­chen Zu­stim­mung an der Haus­fas­sa­de ganz­flä­chig in­stal­lier­te Leucht­wer­be­flä­che blinkt rund um die Fen­ster sei­ner Woh­nung knall­rot auf, um al­len an­zu­zei­gen, daß der Kon­takt mit dem Be­woh­ner die­ser Woh­nung nicht mehr po­li­tisch kor­rekt und da­her zu ver­mei­den ist, will man sich nicht selbst einer Son­der­be­hand­lung aus­set­zen. Der Rest die­ser Wer­be­flä­che wird vom Em­blem der re­gie­ren­den Par­tei ver­ziert.

Zum Zwecke der Le­bens­er­hal­tung greift Herr A. nun auf spär­lich vor­han­de­ne Le­bens­mit­tel und sei­ne reich­lich vor­han­de­nen Wein­vor­rä­te zu­rück. In dem sich dar­aus er­ge­ben­den dau­ernd an­ge­hei­ter­ten Zu­stand merkt er nicht, daß es noch ein ein­zi­ges funk­tions­tüch­ti­ges elek­tri­sches Ge­rät in seiner Woh­nung gibt: Die Hei­zung. Ganz all­mäh­lich er­wärmt sich sei­ne Woh­nung auf über 50°C. Ta­ge spä­ter wird von den be­reits bei der Haus­er­rich­tung zu sei­ner eige­nen Si­cher­heit in­stal­lier­ten auto­no­men Über­wa­chungs­ka­me­ras den mitt­ler­wei­le gleich­ge­schal­te­ten Behörden die Nach­richt von sei­nem Ab­le­ben über­mit­telt. Die 2015 einge­führ­te „Wir­kungs­orien­tier­te Ver­wal­tungs­steue­rung” zeigt nun ih­re Ef­fi­zienz: Per Be­fehl nach der neuen Ge­sell­schafts­hy­gie­ne-Not­ver­ord­nung wer­den die so­for­ti­ge Ent­sor­gung sei­nes Leich­nams im ört­li­chen Kre­ma­to­ri­um so­wie der Ein­zug sei­nes Eigen­tums zu­gun­sten der Par­tei durch­ge­führt. Sei­ne Exi­stenz wird voll­auto­ma­tisch aus al­len öf­fent­li­chen Auf­zeich­nun­gen ge­stri­chen.



Im Ge­gen­satz zu den Jah­ren 1933 ff war 20*8 zur ziel­ge­rich­te­ten Mas­sen­ver­nich­tung von Men­schen ein enor­mer und teils auch auf­fäl­li­ger Auf­wand an Fi­nanz­mit­teln, Men­schen, Lo­gi­stik und Or­gani­sa­tion nicht mehr not­wen­dig; nie­mand muß­te ver­haf­tet, ab­trans­por­tiert, er­schos­sen oder ver­gast wer­den: Ein nach der Kel­sen'schen „Rei­nen Rechts­leh­re” ord­nungs­ge­mäß zu­stan­de­ge­kom­me­nes Ge­setz, zwei Mann-Ta­ge Pro­gram­mie­rungs­tä­tig­keit und ein Knopf­druck ge­nüg­ten völ­lig zur Ziel­er­rei­chung bis hin zur ab­lauf­op­ti­mier­ten Ver­nich­tung mensch­li­cher Über­re­ste „aus Hy­gie­ne­grün­den”. Das soll­ten wir wis­sen, wenn Be­hör­den, Kör­per­schaf­ten öf­fent­li­chen Rechts oder staats­be­auf­trag­te Or­ga­ni­sa­tio­nen (Fi­nanz­äm­ter, So­zial­ver­si­che­run­gen, GIS u.s.w.) höchst­per­sön­li­che oder gar ge­sin­nungs­re­le­van­te Da­ten über uns sam­meln, et­wa im We­ge der Spen­den-Mel­de­pflicht, wie sie seit An­fang des Jah­res 2017 in Öster­reich ge­setz­lich vor­ge­se­hen ist (§ 18 Abs. 8 Z. 2 EStG). Und wir soll­ten un­be­dingt miß­trau­isch sein und nach dem „cui bo­no?” fra­gen, wenn ver­sucht wird uns ein­zu­re­den, daß eine Welt oh­ne Di­gi­ta­li­sie­rung nicht mehr funk­tions­fä­hig oder zu­min­dest wirt­schaft­lich nach­tei­lig wä­re: Nichts, aber auch gar nichts ist al­ter­na­tiv­los, und die Dik­ta­tur der Da­ten ist auch nur eine wei­te­re Form der Dik­ta­tur!

(30. Mai 2017)


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Version Nr. 5/2017 vom 16. Juni 2017
Für den Inhalt verantwortlich: Christoph M. Ledel
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